Hallo, Marion hier. Ok. Ich versuche es kurz zu machen. Angesichts des guten halben Jahrhunderts, das ich schon erlebt habe, wird das nicht einfach.

Schon als Kind war ich sehr viel in der Natur unterwegs, habe mich dort und unter Tieren immer wohler gefühlt als unter Menschen. Bis ich 30 wurde, habe ich brav, aber mehr oder weniger unfreiwillig den Plan meines Vaters verfolgt, sein heißgeliebtes Töchterlein zur Juristin zu machen.



Mein wichtigster Wegbegleiter und Leidensgenosse war in dieser Zeit mein Oldenburger-Wallach Fellow. Er war drei, ich war elf Jahre alt, als wir zusammen in einen ganz fürchterlichen Reitstall gesteckt wurden. Er in einen kleinen Käfig - immer noch beschönigend Box genannt - und ich in eine Welt, die nicht meine war. Pferde hinter Gittern und unter Krampf- und Kraft-Reitern, nie auf der Weide und niemals auch nur das kleinste bißchen frei. Menschen mit Gittern im Kopf und Brettern vor der Stirn, ohne Empathie und Einfühlungsvermögen. Die folgenden 32 Jahre, die mir mit diesem Pferd vergönnt waren, haben meinen Weg und meine Einstellung zu Pferden sehr stark geprägt.

Nachdem ich meine Schuldigkeit getan und mein zweites juristisches Staatsexamen inklusive der unvermeidlichen Gehirnwäsche in der Tasche hatte, habe ich 1990 alles hingeschmissen und endlich angefangen, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich habe einen Job auf einem kleinen therapeutischen Bauernhof in der Nähe von Bremen angenommen und dort ungelernt mit sieben schwermehrfach-behinderten Menschen, meinem Pferd und vielen anderen Tieren gelebt und gearbeitet.

Hier begann auch mein Weg zur Reittherapeutin. Durch meine Ausbildung beim Förderkreis für therapeutisches Reiten e.V. lernte ich endlich einen ganz anderen Umgang mit Pferden kennen. Ich erlebte erstmals, dass Pferden und Menschen ehrliche Wertschätzung entgegengebracht wurde. Erst dadurch wurde mir das unglaubliche Potential der Pferde, Menschen zu lesen und zu verstehen und ihre wunderbare Bereitschaft, Menschen zu helfen, richtig bewußt.

Meinen Kindheitstraum vom kleinen Heileweltpferdebauernhof konnte ich mir dann erstmals auf einem gemieteten Hof im westlichen Münsterland erfüllen. Dort gründete ich 1994 den Hof SchnuppStrupp. Fortan standen  Pferde, Hunde, Hühner, Katzen, Kaninchen und Ziegen und ihre Versorgung bei meiner Arbeit mit Menschen mit und ohne Behinderung und in meinem persönlichen Leben immer im Mittelpunkt.

Wichtig für meinen Weg und mein Selbstverständnis ist noch, dass ich in der ganzen Zeit zwar ein super-qualifizierte Zusatzausbildung und zig Fortbildungen hatte, mir dazu aber leider das Papier für den passenden Grundberuf fehlte. Faktisch bedeutete das, dass ich immer in einer Art Grauzone lebte und arbeitete und immer wenn es darauf ankam, nicht "anerkannt" war. Als kleine Selbstständige in einem nicht anerkannten, nicht geschützten oder irgendwie unterstützten Beruf habe ich gelernt, immer von der Hand in den Mund zu leben. Zum Glück hatte ich immer ein gutes Händchen für Geld und meine eisernen Reserven, so dass wir fast nie ganz mittellos dastanden und ich meine Tiere immer ordentlich versorgen konnte.

Auch die allermeisten meiner KlientInnen mußten selber sehen, wie sie die Reittherapie, die ihnen auf ihrem Weg oft mehr Entwicklungshilfe leistete als andere "Maßnahmen", finanzieren konnten.  Unter anderem wohl deshalb fehlt mir ein bißchen der Glaube an den Sinn in diesem Staat und auch der Respekt vor seiner "Ordnung".


Auf Grund meiner Geschichte, meiner Erlebnisse und meiner Fähigkeit, das große Ganze, aber auch viel - für andere - Unsichtbares zu sehen, wurde ich ein sehr politisch denkender Mensch. Ich hatte zwar nie die Zeit, mich dauerhaft in eine Organisation einzubringen, habe aber aktiv mitgewirkt, sobald ich irgendwie die Zeit dafür finden konnte. Besonders viel gelernt habe ich bei Attac Münster; dort gab es eine fruchtbare Streitkultur, dort gab es funktionierende Konsensverfahren, dort gab es viel zu verstehen über die dunklen Seiten der Globalisierung und die Zusammenhänge zwischen Reichtum und Armut. Dennoch hätte ich mir damals noch nicht träumen lassen, wie weit der globalisierte und entfesselte Kapitalimus uns schon binnen der nächsten zwei Jahrzehnte treiben würde.

2004 zog ich mit allen Tieren und Sack und Pack und Trecker und Leiterwagen und, und, und um in die Rhön. Das war zum einen eine Flucht vor der Aggrolandwirtschaft, deren Zukunft sich dort im Münsterland für mich schon damals all zu deutlich abzeichnete in ein Gebiet, dass sich allein auf Grund der Böden und der Topographie für eine so extreme Ausbeutung nicht eignet. Zum anderen verband ich damit die Hoffnung, in einer großen Gemeinschaft leben und arbeiten zu können.

Es kam aber anders.Die Gemeinschaft entpuppte sich nicht als das, was ich mir gewünscht hatte. Ich konnte mich nicht unterordnen (!?). Wollte weder mich noch meine Pferde ausliefern an eine Methode, die ich für eine therapeutische Arbeit mit Menschen und Tieren als absolut kontraproduktiv empfand, weil sie aus meiner Sicht auf Dominanz und Respektlosigkeit und z.T. sogar auf Gewalt basierte. Ich nutzte aber die Zeit, mir mit einer weiteren (Zusatz-)Ausbildung für tiergestützte Fördermaßnahmen, das Rüstzeug und die Qualifikation für professionelles Arbeiten auch mit anderen Tieren zu verschaffen.

Also zogen wir 2005 wieder um in eine weitere Zwischenstation. Dort begegnete mir das Lieschen, das zweite Rind und die erste Kuh in meinem Leben. 2007 eröffnete ich dann den Hof SchnuppStrupp auf dieser  Zwischenstation ein zweites Mal. In dieser Zeit traf ich auch meine heutige junge Kollegin und aktive Mitstreiterin Stephie, ohne die nichts so gelaufen wäre, wie es gelaufen ist.

2008 begann ich an der Hochschule Fulda Soziale Arbeit zu studieren, um mir endlich den Grundberuf zu meinen Zusatzausbildungen zu verschaffen. Kurze Zeit später konnte ich dann endlich meinen eigenen Hof erwerben, ein wahrer Traum, nur drei Kilometer von der letzten Zwischenstation entfernt. So konnte die Klientel, die ich bis dahin hatte, mitkommen. Ich mußte insofern nicht wieder ganz bei Null anfangen. Die Tiere konnten zu Fuß umziehen und diesmal reichten mein Pferdeanhänger und ein Trecker mit Anhänger für den Umzug von Sack und Pack.

Dafür begann neben dem Studium die Kernsanierung des Hofes. Beides kostete viel Energie, machte aber auch viel Spaß.

Jetzt - fast sechs Jahre später - ist es soweit. Aus SchnuppStrupp soll ein offener Lebenshof werden, die Pferde sollen in ihren wohlverdienten Ruhestand gehen dürfen, alle Tiere auf dem Hof sollen einfach leben dürfen und unser Land soll soweit renaturiert werden, dass die Natur und wir wieder im Einklang miteinander leben können.